Gazahilfe 2009

Zu einigen Fotos der Reise geht es hier!

 

Blogeinträge zur Reise:

 

 

22. März 2009 - Abfahrt

 

Es ist soweit, unsere Reise nach Gaza beginnt! Bis zum Schluss hatte es immer wieder Aufregung gegeben, weil die Situation am Grenzübergang Rafah nach wie vor nicht einzuschätzen ist. Bezüglich der Einreise nach Gaza kommen ständig die widersprüchlichsten Informationen. Und jedes Mal wenn wir eine ungefähre Vorstellung bekamen, erreichte uns wieder eine völlig verwirrende Neuigkeit. Aber wir haben ein konkretes Ziel, sowie einen flexiblen Plan dazu! Wenn wir uns einerseits anpassen, andererseits aber nicht zulassen zum Spielball zu werden, könnten wir alles unseren Wünschen gemäß erreichen.

 

Am 24. geht unser Flug von Berlin Schönefeld nach Kairo, wo wir in den Abendstunden ankommen werden. Bis zum 29. haben wir in einem Hostel ein Zimmer gebucht. Ursprünglich wollten wir die Tage in Kairo nutzen, die deutsche Botschaft aufzusuchen, sowie an der Kairo Konferenz teilzunehmen. Ich hatte mich gefreut, auf der Konferenz Genossen aus Schottland wieder zu treffen. Und wir hätten dort wunderbar neue Freunde und hilfreiche Kontakte finden können. Doch dann wurde die Konferenz kurzfristig verschoben. Das ist ärgerlich, aber nicht zu ändern. Wir haben trotzdem reichlich zu tun und wissen die Zeit in Kairo gut zu nutzen! Wir werden versuchen einige Interviews zu machen. Wir wollen mit Gewerkschaftern reden, mit Genossen, mit Vertretern der Arabischen Liga und so weiter. Wir halten die Entwicklung in Ägypten von entscheidender Bedeutung für die Zukunft Palästinas. Wenn die ägyptische Arbeiterklasse aufbegehrt und das Regime Mubarak stürzt, führt das zu einer dauerhaften Grenzöffnung nach Gaza, was auch von Israel nicht gestoppt werden könnte. In diesem Zusammenhang ist die Kairo Konferenz nicht zu unterschätzen! Wir wollen deshalb mit Mitstreitern eines breiten Spektrums der ägyptischen Bewegungen reden, damit diese auf der Konferenz den Druck auf die Muslimbruderschaft als strategischen Partner einerseits und die Regierung als politischer Gegner andererseits, erhöhen!

 

Sobald unsere Freunde von aktiv4gaza.com in Kairo eintreffen, machen wir uns auf den Weg nach Gaza! Auch dort haben wir bereits Kontakte, die uns helfen werden, wichtige Leute zu interviewen. Damit wollen wir die politischen Akteure beleuchten und die aktuelle Situation analysieren. Der Wahlausgang in Israel ist ebenso brisant wie die Bildung einer Einheitsregierung von Hamas und Fatah. Es wird gemunkelt, dass einem im Ausland lebenden palästinensischen Milliardär das Amt des Präsident angeboten werden soll. Dieser wäre von Israel gewünscht, von Fatah unterstützt und von der Hamas geachtet. Was passiert dann innerhalb der Hamas? Wie positionieren sich die anderen Gruppen dazu? Kann das wirklich zu Frieden führen? Oder werden sich die Menschen betrogen fühlen und noch radikaler wählen? Was ist aus Sicht der Palästinenser eigentlich die Lösung? Kann es zwei Staaten geben? Oder ist die Einstaatenlösung am Ende nicht doch unausweichlich? Kann es angesichts der Rechtsentwicklung Israels überhaupt zu einem Friedensprozess kommen? Diese und viele weitere Fragen wollen wir beantworten. Das Ziel ist eine messerscharfe marxistische Analyse, die uns zeigen kann, wie wir uns zum Nahostkonflikt positionieren sollten.

 

Sofern möglich, gibt es auch einmal eine Mail von dort! Ihr müsst uns zunächst sämtliche Daumen drücken, damit wir tatsächlich durchkommen und unsere Recherchen machen können!!!!

 

24. März 2009 - Etappe I

 

Die erste Etappe ist geschafft! Die Anreise mit Bahn und Flug verlief reibungslos und die Fahrt mit Hotel eigenem Chaufeur war, naja sagen wir mal, interessant. Das Zimmer ist einfach aber ausreichend, die Unterkunft in ruhiger Lage aber doch in Kairos Downtown, also mitten drin. Nebenan steht eine Moschee und eine koptische Kirche. Unzählige Cafés und Restaurants sind nur zwei Schritte weit. So richtig ankommen werden wir aber erst morgen...

 

Für morgen haben wir erstmal ein wenig Tourismus geplant. Wir müssen aber auch viele Telefonate führen, um Termine mit unseren Gesprächspartnern zu machen!

 

Viele Grüße aus Kairo, Marco und André.

 

25. März 2009 - Etappe II

 

Nach der ersten Nacht fühlt sich Kairo gleich ganz anders an. Mit eigenem Fahrer ging es zu den Pyramiden. Es tut gut, das arabische Flair wiederzuerleben. Die Straßenzüge, Eselskarren, das Hupen der Autos, das Verkehrschaos, der Mief einer arabischen Metropole... Schön ist es vielleicht nicht, aber geil! Es hat was! Unterwegs ist auch unser Englisch erwacht. Es hat ein Stück gedauert, bis wir unseren Fahrer knacken konnten. Aber dann plauderte er doch noch aus dem Nähkästchen und schimpfte über Mubarak.

 

Später haben wir versucht, die Funktionsweise der Kairoer U-Bahn zu entschlüsseln und schließlich haben wir unsere Kontakte angerufen und einige Termine machen können.

 

Morgen geht's dann richtig los! Das erste Interview mit einem der Begründer der Kairo Konferenz. Anschließend besuchen wir die Arabische Liga. Wird ein hartes Stück Arbeit für uns werden.

 

Viele Grüße, Marco.

 

31. März 2009 - Etappe III

 

Nach einem Tag der Eingewöhnung, kommen wir ab Tag Zwei zu dem, weshalb wir hier sind.

 

Unser erster Gesprächspartner ist Prof. Dr. Ashraf el-Bayoumi, Mitglied im Antikolonialistischen & Antizionistischen Komitee, ehemals aktiv in Kifaya und einer der Hauptorganisatoren der ersten Kairo Konferenz. Er erzählt uns überwiegend ernüchternde Dinge und wiederholt im Wesentlichen die Inhalte eines Interviews, welches er 2007 dem österreichischen Magazin "Intifada" gab. (zu finden, wenn Ihr auf intifada.at nach seinem Namen sucht) Bayoumi vertritt sehr orthodoxe linke Ansichten, ist entsprechend ablehnend Israel gegenüber und sieht derzeit keine erfolgversprechende Opposition in Ägypten. Sämtliche Strömungen, NGO's, Gewerkschaften ec. seien von der Regierung bzw. dem Kapital kontrolliert. Was einst so hoffnungsvoll begann, so erklärt er, zeige sich heute eher opportunistisch und rücke von seinen Zielen ab. Dennoch unterstützt er soziale Kämpfe der Arbeiterbewegung, weil diese in jedem Fall dem Kapital schaden und zur Verbesserung der Lebens- & Arbeitsbedingungen führt. Auch wenn die Bewegungen erkannt haben, dass die gesellschaftlichen Veränderungen in Ägypten von grundlegender Bedeutung für die Zukunft Palästinas sind, sei der Kampf nicht mehr konkret und stark genug. Schließlich nimmt er die progressiven Kräfte im Westen in die Pflicht und fordert Antizionismus - gleichgesetzt mit Antiimperialismus - auch in Deutschland. Zionismus bzw. der israelische Staat an sich, sei ein imperialistisches Konstruckt, das selbst längst faschistoide Züge trägt.

 

Der erste Versuch, die Arabische Liga zum Thema Palästina zu befragen, scheitert am Donnerstagnachmittag beginnenden Wochenende. Erst am Sonntag sollen wir uns wieder melden.

 

Unterdessen plagt André schon vom ersten Tag an die Scheißerei, die jedoch ohne große Schmerzen vorüber geht.

 

Weitere Gespräche ergaben sich leider erst wieder am Samstag, was dazu führt, dass wir uns am Freitag intensiv in Kairos Downtown umsehen können und tief in die Stadt eintauchen, fern des Tourismus und nervenden Händlern. Über Mittag beobachten wir das eineinhalbstündige Freitagsgebet. Überall vor den Moscheen und in den Straßen sitzen unzählige Gläubige, beten und lauschen dem Imam. Sowie das Gebet beendet ist, füllen sich die Straßen wieder mit Autos, die Geschäfte werden geöffnet und Touristen müssen sich wieder Papyrus- oder Parfümhändler vom Hals halten.

 

Am Freitagabend stößt Samir von aktiv4gaza.com zu uns. Mit unserem Fahrer Achmed, empfangen wir ihn am Airport. Achmed funktioniert wie eine Zeitmaschine. Man kommt an, bevor man losfährt. Eine einigermaßen aufregende Sache. Später bringen wir Samir bei einer Wasserpfeife auf den aktuellen Stand der Dinge und planen die kommenden Tage.

 

Der Samstag ist vollgepackt mit Terminen. Beim Frühstück verfolgen wir auf "Deutsche Welle" eine Diskussionsrunde zum Thema NATO. Eine steife Runde in feinen Anzügen diskutiert in den Worten der herrschenden Klasse über Militär und internationale Beziehungen und so weiter. Es wird ein abstraktes Bild konstruiert, welches die imperialistische Politik völlig ausblendet.

 

Bevor wir Adel treffen, den ich auf der Kairo Konferenz 2007 kennenlernte und der extra aus Alexandria gekommen ist, um uns zu helfen, checke ich wie jeden Morgen meine E-Mails und informiere mich auf spiegel.de, jungewelt.de und so weiter, über die aktuellen Entwicklungen.

 

Adel bringt einen Freund mit, der Journalistik studiert hat. In einen Café besprechen wir den Tag und erstellen einige Fragen, die wir im Interview stellen wollen.

 

Im Café des Dachgeschosses im Gebäude der "Sydicate of Journalists", sind wir mit Abdulhaleem Kandil verabredet, einer der wichtigsten Figuren der ägyptischen Linken, Mitbegründer der Oppositionsbewegung Kifaya (es reicht) und Chefredakteur einer linksnationalen Zeitung. Er erzählt uns von den gewaltigen Demonstrationen während des Krieges gegen Gaza. Mehr als eine Millionen Menschen protestierten in Kairo und im gesamten Nildelta. Hunderttausend drangen bis zur Grenze bei Rafah vor, um ihre Wut zu äußern und das Öffnen der Grenzen zu fordern. Was die Situation von Kifaya angeht, ist Abdulhaleem nicht so skeptisch wie Bayoumi. Die Bewegung sei gewachsen und stärker als je zuvor. Trotzdem ist der Zusammenschluss von diversen linken Strömungen, Gewerkschaften und anderen progressiven Kräften noch nicht in der Lage, den Frust über das Regime so weit zu organisieren, dass es für einen Umsturz reichen würde. Allein ein strategisches Bündnis mit der Muslimbruderschaft könne zu diesem Ziel führen. Immerhin schaffte man es, eine Volksbefragung über den Vertrag von Camp David zu erzwingen. Mit hoher Sicherheit wird dieses Instrument der Unterdrückung angelehnt, was jedoch keine Auswirkung haben wird, weil das Regime das Ergebnis nicht anerkennen muss. Im Gegenteil. Mit seinen 82 Jahren versucht Mubarak weiterhin die Verfassung dahingehend zu ändern, dass nach seinem Abtreten die Dinge weiter so laufen, wie es seine Jünger brauchen.
Kifaya sieht die palästinensische Frage auch als ägyptische Frage und unterstützt den bewaffneten Widerstand gegen die zionistische Besatzung. Die nationale Einheit im Widerstand, über alle ideologischen und weltanschaulichen Differenzen hinweg, sei von grundlegender Bedeutung. Erst müsse die Freiheit erkämpft werden, erst dann könne man sich um den "Rest" kümmern. Die Einheitsregierung aus Hamas und Fatah, wäre ein wichtiger Schritt. Allerdings nur, wenn Abbas nichts mehr zu sagen hätte und die Fatah zu ihren Wurzeln zurückkehren würde. Der Charakter der Fatah änderte sich grundlegend, nachdem viele der wichtigsten Leute verhaftet und durch so genannte "gemäßigte" Leute ersetzt wurden. Ändert die Fatah ihre Strategie nicht, wird die Einheitsregierung nur von kurzer Dauer sein.

 

Mit der U-Bahn geht es zum nächsten Interview. Kairo hat zwei Linien, die eine kreuz, die andere quer - wie Kairo eben so ist. Gerade als ich meine Kamera wieder in die Tasche packen will, kommen einige Polizisten auf uns zu und nötigen mich, in der U-Bahn Station gemachte Bilder zu löschen. Adel diskutiert noch mit einem der Bullen, während ein anderer genau aufpasst, dass ich auch wirklich alle Bilder lösche. Ich kann nicht tricksen. Wenige Minuten später kommen sie nochmal zurück und nehmen die Daten von Adel und Mohammed auf. Wir werden genau beobachtet und verfolgt, bis wir die Station verlassen. Nur weil wir Ausländer sind, bleiben wir vor weiteren Repressalien verschont.

 

An der Station "Saint Thereza" werden wir von einem Fahrer abgeholt, der uns in die Praxis des Zahnarztes Dr. Hazem Farouk Mansour bringt. Hazem ist Abgeordneter der Muslimbruderschaft im ägyptischen Parlament. Seine Antworten sind leider nicht sehr deutlich. Wie man es von hohen Politikern kennt, weicht er konkreten Fragen aus und windet sich rethorisch aus der Verantwortung. Doch auch er schätzt die Palästina Frage als ägyptisches Problem ein und erkennt den Zionismus/Imperialismus als Ursache der Situation. Am Ende bedankt er sich für unseren Besuch und beteuert, wie wichtig die Freundschaft zwischen den Menschen und Völkern ist. Immerhin.

 

Etappe 3 der Reise neigt sich dem Ende. Einer Einreise nach Gaza sind wir allerdings keinen Schritt näher. Sämtliche Bemühungen und Kontakte führen bislang zu dem gleichen Ergebnis: es ist uns nicht möglich, die Grenze zu passieren. Gemeinsam mit unzähligen weiteren Helfern, samt der Hilfsgüter, liese man uns abtreten. Erst heute berichtet Al Jazeera über ein holländisches Ätzteteam, dem die Einreise trotz intensiver Planung verweigert wurde. Nur ein kleiner Teil der Transporte wird überhaupt durchgelassen. Die deutsche Botschaft kann oder will uns nicht helfen. Bestenfalls könnte ich mit meinem Presseausweis von der Botschaft ein Schreiben erhalten, das mir die Einreise ermöglicht. Die anderen kämen nicht einmal bis zur Grenze. Auf dem kurzen Stück Wegstrecke zwischen Al-Arish und Rafah, sollen ein gutes Dutzend Polizeikontrollen sein, die jeden herausfiltern, der nicht dorthin gehört. Es bliebe nur noch die illegale Einreise. Das ist allerdings sehr gefährlich. Ständig versucht die israelische Luftwaffe die Tunnel mit Raketen zu zerstören und die Marine beschießt selbst einfache Fischerbote. Auch wenn alles glatt gehen würde, bleibt die Sache gefährlich. Aktivisten, die die Grenze illegal querten, sitzen inzwischen seit zwei Jahren in ägyptischen Kerkern, zusammen mit 30.000 weiteren politischen Häftlingen. Noch sind nicht alle Register gezogen. Wir haben ein paar Telefonnummern bekommen, die uns weiter helfen könnten. So verbringen wir den planmäßig letzten Tag in Kairo damit, weitere Interviews zu organisieren und stellen uns auf einen längeren Aufenthalt in Kairo ein. Frust macht sich breit.

 

Unterdessen kommt es im palästinensischen Dorf Ni'lin in der Westbank zu weiteren Protesten und Ausschreitungen. Seit am 13.03. der 38-jährige Amerikaner Tristan Anderson bei einer Demonstration in Ni'lin von israelischen Soldaten in den Kopf geschossen wurde und bis heute schwer verletzt im Krankenhaus liegt, kam die Region nicht zur Ruhe. Vor allem ausländische Aktivisten der "Anarchists against the wall" (awalls.org) errichten Barrickaden und liefern sich Straßenschlachten mit israelischen Sicherheitskräften. Immer wieder kommt es zu brutalen Räumungen, Festnahmen und Verletzten. Parallel dazu erinnert man sich derzeit an die damals 23-jährige Rachel Corrie, die am 16.03.2003 im südlichen Gazastreifen mutwillig von einem Bulldozer der Besatzer überfahren wurde. Rachel war jedoch nicht das erste und einzige "westliche" Todesopfer der Zionisten im Einsatz in Palästina. Vor allem Journalisten werden während ihres Aufenthaltes im Gazastreifen oder den besetzten Gebieten ermordet.

 

Als wir erneut am Gebäude der Gewerkschaft der Journalisten ankommen, wo wir unsere nächste Interviewpartnerin treffen sollen, findet dort gerade eine Kundgebung der Studentenbewegung statt. Auf den Stufen des Eingangs ist es gestattet zu protestieren. Die Polizei riegelt den Zugang zur Straße ab, damit sich keine Spontandemo den Weg in die Offentlichkeit bahnt. Dafür ist das Fernsehen da - und wir. Nach kurzer Einschätzung der Lage, schließen wir uns an! Sofort bekommen wir Zettel mit arabischer Aufschrift in die Hand gedrückt und werden freundlich aufgenommen. Die Studenten fordern mehr Gerechtigkeit und wenden sich gegen zu hohe Studiengebühren.
Anschließend geht es auf Zuruf in das Innere des Gebäudes. Im gleichen Raum, in dem ich vor zwei Jahren der Kairo Konferenz beiwohnte, kommen die Studenten zu einem Kongress zusammen. Wir harren dort aus, bis unsere Interviewpartnerin erscheint.

 

Nada Kassass erweisst sich als Goldgrube für hilfreiche Kontakte. Sie berichtet uns, wie es für dem Konvoi von Viva Palestina überhaupt möglich war, die Grenze zu passieren. Von George Galloway, dem Kopf der Aktion, lange vorbereitet, machten einige einflussreiche ägyptische Geschäftsleute bereits in Lybien das eine oder andere lohnende Geschäft mit eigens angereisten britischen Bossen. Der Deal dabei, die ägyptischen Behörden winken den Konvoi durch. Nicht jedoch ohne Begleitung von Militär und Polizei, die eine Kontaktaufnahme mit der Bevölkerung verhindern soll. Ein schmutziger Deal mit der Diktatur. Andere Leute, die in Opposition zur Macht stehen, haben kaum eine Chance erfolgreich zu sein. Wie beispielsweise eine spanische Gruppe, die seit einiger Zeit in Al-Arish festsitzt und immer wieder versucht durchzukommen. Inzwischen wurden ihre Fahrzeuge aufgebrochen und Hilfsgüter entwendet. Nun halten sie jede Nacht Wache auf dem Parkplatz.
Manche Gruppen errichten direkt an der Grenze ein Lager und kommen Tag für Tag, bis sie es schaffen. Manchmal klappt es am zweiten Tag, manchmal erst nach einigen Wochen.
Auch Nada bestätigt, dass wir ohne entsprechende Papiere nicht durchkommen werden.

 

Am Montagmorgen treffen wir in einem Restaurant, gegenüber der Pyramiden von Giza, einen jungen Deutschen marokkanischer Abstammung, der in Kairo Islamwissenschaften studiert. Während des Gazakrieges ist er engagiert gewesen. Nun erzählt er uns, welche Projekte gelaufen waren.
Beeindruckend muss eine Demonstration gewesen sein, an der Leute aus gesamten Breite der Opposition, sowie viele internationale Mitstreiter teilnahmen. Sie zogen im Grenzgebiet von Dorf zu Dorf und wurden so immer mehr. In Rafah angekommen, warteten leider Polizei und Armee auf die Demo und überfielen diese. Aktivisten wurden gejagt, verprügelt und bei der Festnahme die Augen verbunden. Viele wurden regelrecht verschleppt. Auch Deutsche Staatsbürger seien darunter gewesen. Die deutsche Botschaft stellt dazu fest, dass man rein garnichts für diese Leute tun könne.

 

Am Abend findet im "Center for Socialist Studies" eine Versammlung statt, auf der Alex Calinicos reden soll. Es handelt sich um eine marxistische Gruppe, die genau wie marx21, der IST angehört. Wir erreichen den Raum durch einen Flur, dessen Wände die Bilder von Marx, Lenin, Trotzki und Luxemburg zieren. Alex erzählt über die Krise und wie revolutionäre Sozialisten diese verstehen und nutzen sollten.

 

Mit einem holländischen Genossen gehen wir anschließend in einen kleinen verstecktem Pub ein Bier trinken. Auch Dirk erzählt uns einige Dinge zum Widerstand.

 

Weil uns die Zeit davonläuft, entschließen wir uns, am Dienstag, also zwei Tage später wie geplant, auf gut Glück nach Rafah zu fahren.
Plötzlich ergibt sich eine neue Möglichkeit. Dr. Arian, einer der bekanntesten Muslimbrüder überhaupt, will sehen, ob er uns nach Gaza bringen kann. Er lässt uns an der Hochburg des Widerstandes, der Syndicate of Journalists, von einen Fahrer abholen.

 

Schaffen wir es doch noch nach Gaza?

 

31. März 2009 - Gescheitert

 

Mit Etappe 4, der Einreise nach Gaza, sind wir heute gescheitert!

 

Trotzdem können wir einen Erfolg verzeichnen. Im Gebäude der Medical Syndicate, treffen wir auf Dr. Sayd, Generalsektäter der Ätztevereinigung und verantwortlich für sämtliche medizinischen Transporte nach Gaza. Von ihm bekommen wir aktuelle Listen mit Dingen, die jetzt besonders benötigt werden. Und er ist der richtige Kontakt, die zwei Kontainer voll Hilfsgüter die noch in Düsseldorf stehen, nach Palästina zu schaffen. Wir können uns von der Arbeit der ägyptischen Ätzte ein Bild machen und finden sie vertrauenswürdig. Mit konkreten Vorstellungen können wir nun in Deutschland die benötigten Sachen organisieren und gemeinsam mit Dr. Sayd den Transport durchführen.

 

Morgen versuchen wir uns an der Grenze zu orientieren. Ich bin entschlossen, die geplanten Camps in Rafah bzw. Erez zu unterstützen. Aber dazu später mehr.

 

2. April 2009 - Endgültig gescheitert

 

Im Bus nach Arish, lernen wir zwei Journalisten aus Spanien kennen. Schnell wird klar, auch sie sind Genossen. Wir steigen alle zusammen im gleichen Hotel in Arish's City ab, tauschen uns beim Abendessen alte Reiseerlebnisse aus und diskutieren über Politik.

 

Ebenfalls im Hotel, ist ein junger Palästinenser, der seit 12 Tagen versucht nach Gaza zu gelangen, um dort sein Studium fortsetzen zu können. Bislang gibt man ihm keine Aussicht auf Erfolg.

 

Als wir schlafen wollen, klopft es an der Tür und ein Norweger syrischer Herkunft stellt sich vor. Er habe gehört, dass Deutsche in der Stadt seien und fragt, ob wir gemeinsam nach Rafah fahren könnten.

 

Gemeinsam nehmen wir ein Taxi, das uns die letzten 40 Kilometer zum Grenzübergang bringt. Dort spielen sich Tag für Tag Szenen ab, die mich wütend machen. Offiziell ist es derzeit niemanden erlaubt, die Grenze zu überschreiten, ausgenommen Reportern und Mitarbeitern von Hilfsorganisationen. Wobei auch letztere genau überprüft werden und die bereits beschriebenen Dokumente der jeweiligen Botschaft vorlegen können. Mit gnädiger Erlaubnis Israels, dürfen auch im Krieg verwundete Palästinenser passieren, die eine ärztliche Behandlung in Ägypten benötigen. Einige dieser Menschen können wir sprechen und interviewen. Den alten Mann beispielsweise, der im Gesicht durch Phosphor verletzt wurde und eine Augenoperation brauchte. Oder die junge Dayra, die aus der Westbank kam, um in Gaza zu heiraten. Sie lebt gute 40 Kilometer Luftlinie von ihrem Bräutigam, musste aber einen Umweg von 100 Kilometern machen, weil Palästinenser nicht aus der Westbank nach Gaza oder umgekehrt durch Israel reisen dürfen. Auch sie wird seit vier Tagen mit der Begründung hier aufgehalten, sie sei Anhängerin der Hamas. Auf diese Weise sollen die Palästinenser Hass auf die Hamas entwickeln und gespalten werden.
Wir treffen auch das ältere Pärchen wieder, dem wir am Tag zuvor das Gepäck ins Hotel trugen, weil der Mann kaum laufen kann. Sie erzählen uns vom Krieg, als die Frau des nachts aus dem Haus fliehen musste und israelische Soldaten ihr die Überkleidung wegnahmen. Mit nur einen dünnen Hemd, lief sie acht Kilometer bis sie auf Menschen traf, die sich um sie kümmerten. Nun wollen sie zurück in ihr Haus und laden uns ein, bei ihnen übernachten zu können. Sie sei auch in der Frauenrechtsgruppe der PFLP organisiert.
Sie erzählt auch von Kinderleichen, deren Hände von Hunden angefressen waren, weil diese so hungrig waren.
Viele Krankenwagen kommen und bringen Verletzte und Kranke zur Grenze. Die jungen Fahrer bedanken sich bei uns und winken als sie wieder abfahren. Überhaupt ist die Dankbarkeit sehr groß, dass immer wieder Leute aus der ganzen Welt kommen, um Solidarität zu demonstrieren. Der ganze Tag ist voller kleiner Ereignisse, die unter die Haut gehen! Schließlich stehen mir Tränen in den Augen. Ich erinnere mich an Bagdad.

 

Mitgefühl gibt es durchaus auch bei den Soldaten und Grenzbeamten. Selbst ein Mitarbeiter der Nationalen Sicherheit redet offen mit uns, bedankt sich und hofft, dass wir wiederkommen. Mubarak jedoch und seine Speichellecker, die bleiben hart und befolgen brav die Befehle aus Washington bzw. Tel Aviv.

 

So müssen auch wir umkehren, genau wie zahllose andere Helfer samt Hilfsgüter. In Arish stehen die Ladungen hunderter LKW's. Polizisten verjagen uns, als wir die Fahrzeuge und Güter filmen wollen.

 

Etappe 4, die Einreise nach Gaza, ist hiermit endgültig gescheitert. Mit Geleistetem und Erreichtem kann ich dennoch zufrieden sein. Immerhin haben wir alles ganz allein geschafft. Wir haben internationale Solidarität geübt, neue Kontakte geknüpft und wissen nun exakt bescheid. Wir sind in der Lage, weitere Reisen zu organisieren, die mit Sicherheit erfolgreich sein werden. Wir haben die Situation in Ägypten analysiert und sprachen mit berühmten oder einflussreichen Leuten aus der Opposition. Wir hörten von anstehenden Aktionen, die wir von Deutschland aus unterstützen können. Wir bringen eine Liste nach Hause, mit Dingen die aktuell dringend benötigen werden. Mir besonders wichtig, sind Begegnungen zwischen einfachen Menschen, der offene Austausch, die konkrete Solidarität. Einigen Menschen haben wir eine kleine Freude bereiten können und sie dankten es uns mit einem Lächeln. Kein Geld auf Erden könnte das aufwiegen. Diese Menschen gehen in den Gazastreifen und werden von uns erzählen. Nichts großartiges, aber etwas hoffnungsvolles.

 

Wir konnten sogar einen Teil unserer Spendengelder verteilen. Von den € 520,- die ich allein in meinem Bekanntenkreis sammeln konnte, zuzüglich den € 210,- aus dem Verkauf der Gebetsposter (macht sage und schreibe € 730,- in nur vier Wochen) haben wir drei Teile an Familien gegeben (zusammen € 550,-) denen wir damit richtig helfen konnten. Ein Monatslohn, sofern mensch Arbeit hat, beträgt runde € 100,-. Die allermeisten Menschen haben nichts. Wovon sollen sie den Bus bezahlen? Das Wasser wenn sie durstig sind? Die Gebühren beim Arzt? Den Strom und das Gas, das in Gaza doppelt so teuer ist als in Israel? Und so weiter und so fort. Euer Geld ist also nicht verschwendet worden oder in korrupten Kanälen versickert. Es ging auch nicht an Israel, oder die Fatah, wie der größte Teil der staatlichen Fördergelder. Und nicht an die Hamas oder andere Gruppen. Es ging von Euch direkt zu den Menschen! Das restliche Geld werde ich mitnehmen, wenn ich noch einmal versuchen werde nach Gaza zu kommen!

 

Wir haben unser Ziel nicht erreicht. Deshalb freue ich mich nicht gerade darüber, dass wir morgen die Heimreise antreten müssen. Nur ein paar Tage mehr und wir hätten es geschafft. Angesichts all der Eindrücke, können mich unsere Erfolge nicht trösten. In Gegenteil. Ich akzeptiere den Ausgang dieses Versuches nicht und bin entschlossen, es so bald wie möglich erneut zu versuchen. Ob und wie ich das organisieren kann, ist ein anderes Thema. Aber ich muss und ich will in den Gazastreifen, um zu vollenden was ich begonnen habe.

 

4. April 2009 - Doch noch

 

Den letzten Abend in Ägypten nutzen wir dazu, in einem der Kairoer Krankenhäuser Patienten aus dem Gazastreifen zu besuchen, denen zu Hause nicht die nötige medizinische Versorgung zukommen kann. Unter ihnen sind sowohl Opfer des letzten Krieges, als auch Menschen mit schweren Erkrankungen. Einige benötigen lediglich regelmäßige Behandlungen, andere eine komplizierze OP. Es sind auch Menschen darunter, die eine spezifische Behandlung brauchen und dringend nach Möglichkeiten suchen, in ein Krankenhaus im Ausland zu gelangen. Dazu fehlt ihnen jedoch das Geld. Dann gibt es aber auch welche, die sich nicht einmal ernähren können. Um beispieslweise ihr Kind nicht allein zu lassen, bleiben Familienangehörige mit den Patienten in Kairo. Das aber können sie sich eigentlich nicht leisten. Gingen sie nach Gaza zurück, ist unklar, ob oder wann man sich wieder sehen würde. In den allermeisten Fällen fehlt es also an Geld.

 

Den Leuten einfach Geld in die Hand zu drücken, würde sie beschähmen. Deshalb nehmen wir uns Zeit, hören uns ihre Geschichten und Schicksale an und übermitteln ihnen solidarische Grüße von den Menschen, die ein wenig Geld abgaben, weil sie sonst nicht viel machen können. Auf diese Weise sind wir all unsere Spenden doch noch "losgeworden" und konnten abermals konkret helfen!!! Insgesamt haben wir ca. € 2300,- verteilt. "Unsere" € 730,- und einen Teil der Spenden von aktiv4gaza.de Damit haben wir zuguterletzt doch noch eines unserer Ziele erreicht! Außerdem hat dieser letzte Abend das Bedürfnis gestärkt, bald noch einmal zu kommen und dann auch in den Gazastreifen zu reisen! An Einladungen, Unterkünften und Kontakten, mangelt es jedenfalls nicht.

 

Wenn ich zu Hause bin, werde ich sehen, was ich an Film- bzw. Fotomaterial mitgebracht habe. Wenn ich mich dann am Riemen reise, wird es bald einen kleinen Film oder wenigstens einen ausgereiften Bericht geben.

 

Viele Grüße an Euch alle, ein herzliches Dankeschön an alle Spender und vielen Dank für Euer Interesse. Die Menschen in Palästina danken es Euch!

 

Marco.